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Aufgewühlt schwirrte Jana durch die Küche, setzte Teewasser auf und stellte es gleich wieder aus. Öffnete die Kühlschranktür und schloss sie wieder. Setzte sich und stand wieder auf.
Aus dem Flur hörte sie Wortfetzen und Möbelrücken. Sie wollte hinausgehen und Stefan von diesem Wahnsinnsvorhaben abhalten. Aber was er einmal entschieden hatte war unumstößlich. Darum blieb sie, wo sie war. Solange, bis sie dringend ins Bad musste.
Sie vermutete die Möbelpacker und Stefan vor dem Haus. Aber alle drei kamen ihr im engen Flur entgegen. Die beiden Männer trugen seinen antiken, massiven Schreibtisch. Jana blieb an der Garderobe stehen und zog den Bauch ein. Stefan schob sich mit dem Computer in den Armen dicht an ihr vorbei.
Er sah sie nicht an.
Der Schmerz traf sie wie ein Stich mit dem Degen mitten ins Herz. Gekrümmt wankte sie ins Bad. Eine scheinbar endlos lange Zeit hockte sie dort, weinte und hustete im Wechsel. Wie zerschlagen erhob sie sich nach einer Weile, wusch das Gesicht mit eiskaltem Wasser und trocknete es behutsam ab. Sie nahm die Tageslotion aus dem Spiegelschrank und cremte sich bedächtig ein.
„Du hast es gewusst, wenn du ehrlich bist“, sagte das verheulte Gesicht im Spiegel zu ihr. „Du hast es nur nicht wahrhaben wollen.“
Der Kummer wollte sie ersticken. Jana schluckte. Durch die Badezimmertür hörte sie, wie Stefan den Möbelpackern Anweisungen gab. Erst drei Jahre zuvor hatten sie sich aus zwei Singlehaushalten eine gemeinsame Wohnungseinrichtung zusammengestellt. Was nicht gebraucht wurde, landete auf dem Dachboden oder im Keller.
Als niemand mehr im Korridor war, ging Jana ins Schlafzimmer. Dort standen fein säuberlich gepackt sein Koffer, seine beiden Reisetaschen und drei Kartons. Anscheinend war er schon seit dem Vormittag mit dem Auszug beschäftigt gewesen, während sie nichts ahnend bei der Arbeit war.
[...]
Rebecca hatte völlig Recht, als sie eines Abends anrief und meinte: „Bei allem Verständnis für deinen Kummer, Jana. Du darfst dich jetzt aber nicht so lange verkriechen. Lass uns etwas unternehmen!“ Sie erzählte von einem Diavortrag über den Impressionismus, den die Kirchengemeinde anbot. Jana war froh, aus ihrer Lethargie gelockt zu werden und nahm Rebeccas Einladung dankbar an.
Wegen ihrer beiden Kinder war Rebecca schon auf dem Heimweg, als Jana noch an der Fensterbank des Gemeindesaals stand und die Ankündigungszettel studierte. Vorträge, Filme, Ausflüge und verschiedene Kurse; über mangelnde Angebote konnte man sich in der kleinen Gemeinde wirklich nicht beklagen.
Die Autobiografiearbeit ist ein persönlicher Lern- und Erkenntnisweg.
Alltäglich wird der Mensch mit seiner eigenen Lebensgeschichte konfrontiert, sowohl im Privaten, im Berufsleben als auch im höheren Alter. Aber meistens erst bei Schicksalsschlägen wie Krankheit, Trennung, Tod werden wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Die Autobiografiearbeit kann helfen, mit diesen Situationen konstruktiv umzugehen, um lebensbejahend neue Chancen zu erkennen und zu ergreifen.
„Das klingt gut“ dachte Jana, steckte den Flyer in die Tasche und ging.
[…]
In der Samstagszeitung hatte Jana von einer Online-Partneragentur gelesen. Claudias Worte noch im Ohr, meldete sie sich kurz entschlossen vor einigen Tagen in einem Anflug von Neugier und Abenteuerlust dort an.
„Habt ihr schon gehört? Jana, die lieber hinter dem Mond gelebt hätte, als das verruchte Internet zu nutzen, begibt sich auf das fragwürdige digitale Parkett!“
Der wohlmeinende Spott ihrer Freundinnen klang ihr bereits in den Ohren. War sie nicht sogar diejenige gewesen, die das Anti-Web-Buch mit missionarischem Eifer mehrfach verliehen oder verschenkt hatte? So sehr war sie anfangs davon überzeugt, dass dieses world wide web ein Teufelswerk sei. Aber schön praktisch war es auch. In welch rasanter Geschwindigkeit konnte man nun Briefe absetzen und Antworten erhalten. Mailboxen und Emailadressen, Provider und Browser waren mit einem Male Janas Verbündete geworden.
Sie schob ihr Rad vor das Haus, zog den Reißverschluss der Steppjacke zu und stellte den Kragen hoch. Der Wind war kalt, auch wenn die Sonne unmissverständlich ankündigte, dass der Winter dabei war, sich zu verabschieden. Die Spitzen der Krokusse im bescheidenen Vorgarten drängten ans Licht. Nur noch einige Wochen, dann würde sie die Terrasse wieder flott machen, Schalen und Kästen bepflanzen und einen Großteil der Freizeit draußen verbringen.
Entschlossen radelte Jana in den Ortskern. Sie musste kräftig gegen den Wind anstrampeln. Am Marktplatz stellte sie das Rad ab und betrat das Reformhaus. Obwohl der Preis ihr Budget eigentlich überstieg, spurtete sie mit dem neuen Vitaltrank, der die Abwehrkräfte stärken und rundum Wohlbefinden garantieren sollte, im Rucksack nach Hause. Spätestens ab heute musste sie mit dem Ernstfall rechnen. Was, wenn sich einer auf ihre Web-Suche hin meldete? Doch den Anflug von weichen Knien ignorierte sie ebenso geflissentlich wie die leise innere Stimme, die fragte: „Sag, bist du noch gescheit?“
Zu Hause angekommen, schaltete sie den Computer ein. Zum ersten Mal gab sie ihrem Filius Recht: Der PC war schrecklich langsam. Während das alte Ding sein Bestes gab, gestattete sie sich den ersten Löffel ihres neuen Wundertranks. Angewidert schüttelte sie sich. Doch dann entdeckte sie aufgeregt den freundlichen Hinweis auf dem Bildschirm:
„Sie haben Post!“
Janas Herz raste und sie versuchte, sich mit gezielten Atemzügen zu beruhigen, während das Programm die Mail abrief, die in der Tat von der Partneragentur kam.
„Mensch, Jana, reiß dich zusammen, du bist 49 Jahre alt!“, ermahnte sie sich selbst. Und schon las sie:
Sehr geehrte Frau Johanna Werningroth!
Jetzt wird es interessant! Das Mitglied mit der Chiffre Nr. J58224 möchte Sie gerne kennenlernen! Bitte loggen Sie sich bei uns mit dem Ihnen bekannten Passwort ein und schauen Sie in Ihre Mailbox. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg!
Ihr Love-Coach Michael
Agentur Surprise
Mit dem Passwort meldete sie sich auf der Website der Partneragentur an und klickte sich bis zum ersehnten Kontaktgesuch durch.
[…]
Sie las gerade die Anweisungen des Foto-Service-Teams von Surprise, als sie wahrnahm, dass eine neue Nachricht mit Bild eingegangen war.
Schmusebär sucht Schmusebärin. Hallo, du! Ich hätte Lust, dich kennenzulernen. Bin Lehrer in Heidelberg, geschieden. Bitte schicke mir ein Foto von dir, liebste Grüße Tom
Das Foto zeigte einen sympathischen, kräftigen Mittfünfziger, Brillenträger, hohe Stirn und dunkle Augen. Dieser Tom gefiel ihr auf Anhieb ausgesprochen gut. Nicht nur sein Anblick, sondern auch seine Worte lösten ein Gefühl der Sympathie bei ihr aus.
„Schmusebär, ach ja, das wär’s.“
Sie las sein Profil und bekam große Lust, gleich darauf zu reagieren. Aber Tom wollte ein Foto. Wie sollte sie das nun so schnell bewerkstelligen? Sie besaß keine Digitalfotos, und die wenigen Papierbilder, auf denen sie sich selbst gefiel, waren alle überholt. Ach, dann musste er eben eine Weile auf ein Foto verzichten. Jana nahm das nicht ganz so tragisch und schrieb:
Lieber Tom,
dein Kontaktgesuch hat mich gefreut. Ich kann dir heute noch kein Bild übermitteln, werde es aber bald nachholen. Deine Beschreibung und dein Profil gefallen mir und ich würde eine Kontaktaufnahme mit dir begrüßen.
Ich grüße Dich und den Neckar! Jana
Eine Antwort von Tom aus Heidelberg ließ nicht lange auf sich warten.
Tut mir leid, Jana, aber ohne Foto knüpfe ich erst gar keinen Kontakt. Das äußere Erscheinungsbild ist für mich persönlich sehr wichtig. Also bitte! Gruß Tom
„Wenn es denn sein muss, nun gut.“ Jana sandte einen Hilferuf in Richtung Rebecca.
„Wenn ich die Kinder im Bett habe, komme ich mit meiner Digitalkamera vorbei. Kannst schon mal den Sekt kalt stellen.“
„Tut es auch ein Glas Rotwein?“, fragte Jana.
Die beiden beschlossen, verschiedene Fotos zu machen. Mal sportlich mit Jeans und Pullover, mal elegant im dunklen Hosenanzug und mal fraulich im weich fließenden Kleid. Am Ende von vier lustigen, aber ebenso mühseligen Stunden und kurz vor Mitternacht besaß Jana eine ansehnliche Auswahl von Fotos, digitalisiert und komprimiert – fertig zum Versenden an Tom. Sie entschied sich für die sportliche Variante und schickte das Werk sofort los. Rebecca drückte ihr die Daumen und beeilte sich, nach Hause zu kommen.
Es war bereits fortgeschrittener Nachmittag, als sie sich am nächsten Tag mit der Einkaufstasche in der einen Hand, Handtasche und Schlüssel in der anderen einen Weg von der Wohnungstür in die Küche bahnte. Auf dem Flur standen zwei Wäschekörbe, die den Weg in die Waschküche noch nicht alleine gefunden hatten. Ein Schicksal, das sie sicher mit vielen Berufstätigen teilte.
Den Hunger stillten an diesem Tag fertige Pizzen, die mit wenig Aufwand in den Ofen wanderten. Mit dem letzten Viertel ihrer Pizza setzte Jana sich an den Schreibtisch, schaltete den Computer an und blickte erwartungsvoll auf ...
„Sie haben Post!“
Mit einer seltsamen Unruhe öffnete sie die Mail von Tom.
Tut mir leid, Jana, aber du bist überhaupt nicht mein Typ. Außerdem sind Rubensmaße nicht so mein Fall. Alles Gute weiterhin, Gruß Tom.
Fast wäre sie vom Stuhl gekippt. Das hatte sie nicht erwartet. Obwohl der Verstand sagte, dass damit bei einer Partnersuche immer auch zu rechnen war. „Wieso? Ich finde ihn doch auch sympathisch, auch wenn er nicht gerade der Schlankste ist.“ Natürlich wusste sie, dass die Frage dumm und überflüssig war. Aber was für einen Typ suchte Tom denn? Dazu äußerte er sich nicht.
Sie ging zum x-ten Male zu sich selbst in eine sichere Distanz, aus der heraus sie nüchtern reflektierte: sportlich und jünger wirkende Frau Ende Vierzig, athletischer Körperbau, einige Kilos zuviel – aber noch weit entfernt von Rubensmaßen! – lockiges, mittelblondes Kurzhaar, keine Schönheit aber durchaus tageslichttauglich.
Sie versuchte sich zu fangen, wollte sich nicht deprimieren lassen wegen einer einzelnen Äußerung eines ihr unbekannten Mannes.
Und trotzdem berührte es sie.
***
Es war Jana entgangen, dass sie online geblieben war, so sehr war sie in ihre Gedanken versunken. Das Signal „Sie haben Post“ war allerdings nicht zu übersehen. Besondere Lust auf einen weiteren Kontakt an diesem Tag verspürte sie nicht gerade, dennoch öffnete sie ihre Mailbox und las ein erstes und ein zweites Mal:
Verehrte Suchende!
Ich habe Ihr Profil gelesen und möchte Sie gerne kennenlernen. …
[…]
Seit einer Viertelstunde piepste der Trockner und erinnerte an Nebensächlichkeiten wie Wäsche waschen, trocknen, falten und bügeln.
Sie schaltete den Trockner aus und nahm sich auf dem Rückweg zum PC aus der Küche einen Apfel mit. Im Wechsel las sie die ausgedruckten Seiten von Hubert und ihren eigenen Brief, denn keines der angeschnittenen Themen sollte unbeantwortet bleiben. Der echte Dialog zwischen zwei Menschen war ihr ihm Laufe der Zeit immer wichtiger geworden. Es gab schon genug Erdenbürger, die in ihrem Leben vornehmlich Monologe produzierten anstatt zu kommunizieren, die weder richtig zuhörten noch angemessen antworteten. Sie sehnte sich nach einem Mann, dem es nicht lästig oder überflüssig war, Stellung zu beziehen und sich angemessen zu äußern.
Jana setzte ihre Antwort fort:
... Ihre Ausführungen zum Thema Zufall, sowohl aus emotionalem als auch rationalem Blickwinkel, sind für mich völlig nachvollziehbar. Allerdings nehme ich die Bedeutung der Sprache ... zufallen, schicken beinahe wörtlich. Ich beschäftige mich nicht selten auch mit dem spirituellen Aspekt des Lebens. Täte ich das nicht, hätte ich manchmal Grund genug gehabt "ver-rückt" zu werden. Das Betrachten unter der Voraussetzung, dass alles, auch das Unvorstellbare, seinen, einen (höheren) Sinn habe könnte, kann hilfreich, tröstend und richtungweisend sein. Allerdings ist mein innerer Kritiker, der Rationalist, eine starke Kraft, die mich immer wieder davor schützt, in die Fallen dogmatischer Heilsbringer zu tappen. Auf der Suche nach Sinn und Sein ist es nicht leicht, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden. Dazu genug für heute.
Zustimmen kann ich dem, was Sie über Gefühle am Arbeitsplatz schreiben.
Für eine liebevolle, verständnisvolle Partnerschaft halte ich es jedoch für besonders wichtig, dass man in der Lage und bereit ist, sich auch darüber auszutauschen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mir wieder schreiben.
Ich grüße Sie
Jana
Der Nachmittag verging wie im Flug. Jana konnte sich kaum auf anderes konzentrieren. Während sie bügelte und die Küche in Ordnung brachte, sprach sie beinahe pausenlos in Gedanken mit Hubert. Sie brannte darauf, seine Antwort zu lesen und schaute jede halbe Stunde nach, ob schon eine Mail von ihm da war.
Patrick war nach der Schule nur kurz da gewesen, hatte seine Schularbeiten gemacht und war dann auf den Bolzplatz gegangen. Sie genoss die neue Erfahrung, nicht permanent und pausenlos Ansprechpartnerin zu sein. Diese seltenen Stunden des Alleinseins waren erholsam. Sie ertappte sich bei diesem Glücksgefühl und fragte sich, warum sie nach einem Partner suchte, wenn das Jetzt gerade so schön war. Der kleine zweifelnde Gedanke wurde alsbald wieder verscheucht, denn es kam der erste Teil seiner Antwort, die sie begierig las:
Guten Abend Jana,
Ihre Mail beflügelt mich. Aber ich werde für eine hinreichende Antwort eine Weile brauchen. Verzeihen Sie mir, aber ich muss zugeben, dass unsere Korrespondenz mir schon jetzt ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit vermittelt.
Jana spürte ein lange vermisstes Kribbeln zwischen Herz und Bauch, eine warme Welle, die sich in ihr ausdehnte.
… Es scheint so, als ähnelten wir uns nicht unerheblich im Denken und Fühlen. Dass sich gleichende Biografien zu ähnlichen kulturellen Vorlieben und so auch zu Partnerschaften führen können, war mir in der Theorie zwar bekannt. Aber das Erleben hat eine ganz andere Qualität ...
Mit beiden Händen zauste Jana ihr Haar und beugte sich so weit nach hinten, dass die flexible Rückenlehne des Schreibtischstuhls nachgab und sie halb liegend fassungslos auf den Bildschirm blickte. Sie holte mehr als einmal tief Luft, bevor sie weiter las: …
Liebe Leserinnen und Leser!
Dies waren einige wenige Textauszüge aus 216 Buchseiten. Neugierig geworden? Dann schreiben Sie mir:
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